Deutsche Zentralbücherei für Blinde

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Übertragungs- und Servicezentrum für Braillenoten

Voraussetzungen

Entsprechend den Aufgaben von Bibliothek und Verlag der DZB sind folgende Aufgabenfelder von höchster Bedeutung:

  1. Übertragung von Noten zur Ausleihe,
  2. Übertragung von Noten nach Auftrag,
  3. Restauration von unbrauchbar gewordenen Altbeständen.

Ausbau des Übertragungsservice

Zunächst wurden zu übertragende Noten hauptsächlich für den Bestand der Bibliothek zur späteren Ausleihe ausgewählt und übertragen. Mit Fortschreiten des Projektes und höherer Bekanntheit desselben kamen jedoch immer mehr Aufträge zur Übertragung von Werken von Dritten. Da solche Aufträge als dringend und somit prioritär anzusehen sind, verschob sich der Schwerpunkt der Übertragung von den Titeln für die Bibliothek weg zu den Aufträgen. Auftragsnoten selbst werden jedoch nach Möglichkeit in den Bestand der Bibliothek aufgenommen oder zum Verkauf angeboten und somit auch anderen blinden Musikern zur Verfügung gestellt.

Restauration

Neben der Neuproduktion von Noten und der Entwicklung von Software, um diese Produktion zu unterstützen, wurde ein Schwerpunkt auf die Restauration von Altbeständen gelegt. Das sind Noten, die teilweise schon über 100 Jahre alt und beschädigt oder unlesbar geworden sind.

An verschiedenen Beispielen wurden die Möglichkeiten zur Restauration alter Noten untersucht. Dazu müssen diese Braillenoten mittels einer speziellen Software gescannt werden, die die Braillepunkte erkennen kann. Ein Abgleich von Ergebnis des Scannens und Original, um sicherzustellen, dass hierbei wenig bis keine Fehler entstanden sind, muss von einer Fachkraft für Blindennoten durchgeführt werden, um die Qualität eines solchen Vergleiches zu optimieren.

In einem nächsten Schritt müsste die inhaltliche Qualität der Noten überprüft werden. Das erwies sich aus folgenden Gründen als schwierig bis unmöglich:

  1. Zu sehr vielen Noten existiert kein entsprechender Schwarzdruck, weil die Blindennoten entweder aus anderen Beständen gekauft oder übernommen worden, oder die Schwarzdrucke über die Jahrzehnte verloren gegangen sind. So ist eine Kontrolle der Korrektheit der Noten nicht möglich.
  2. Noten, die aus anderen Beständen stammen, sind häufig mit anderen Schreibformen und Darstellungsweisen der zwar standardisierten, aber heterogen ausgeprägten Braillenotenschrift geschrieben, als sie die Mitarbeiter der DZB kennen und anwenden.
  3. Das Regelwerk Neues Internationales Handbuch der Braillenotenschrift, 1998 herausgegeben von der Weltblindenunion, ist Arbeitsgrundlage für die Herstellung von Noten in Brailleschrift. Das bedeutet, dass auch Schreibweisen in den alten Notenbeständen als überholt angesehen und überarbeitet werden müssten.
  4. Die alten Braillenotenbestände beruhen zu großen Teilen auf Schwarzdrucken, die mit veralteten Notensatzregeln gesetzt wurden und somit nicht mehr den aktuellen, modernen Schwarzdrucken entsprechen. Auch sind die alten Schwarzdrucke oft nicht mehr erhältlich, was die Zusammenarbeit blinder Musiker mit ihren sehenden Kollegen erschwert.

Die DZB kam zu dem Ergebnis, dass die Neuübertragung der gleichen Noten, die als Altbestand vorliegen, in einem softwarebasierten Produktionsprozess um ein vielfaches schneller (und damit kosteneffektiver), homogener und qualitativ besser ist, als eine Restauration der Altbestände. Darum konzentriert sich die DZB auf die Neuproduktion von Noten.

Durchführung

Für einen effektiven Übertragungsservice musste zum einen Fachwissen für die Notenübertragung aufgebaut werden. Zum anderen sollte Software entwickelt werden, die diese Übertragung bestmöglich unterstützt.

Eine Mitarbeiterin der DZB, die in das Projekt DaCapo als Eigenanteil involviert wurde, hatte sich bereits vor dem Projekt in die Übertragung von Noten eingearbeitet und konnte sich somit von Anbeginn mit ganzer Leistung in das Projekt einbringen. Bei der Auswahl des Korrektors wurde ein sehr versierter Kenner der Braillenotenschrift gewonnen, der ebenso einer Einarbeitung nicht bedurfte und somit sofort seine ganze Leistung einbrachte. Ein Wechsel des Korrektors (Ausscheiden aus persönlichen Gründen) führte zu keinem Nachteil für die Leistungsfähigkeit der Korrektur.

Als zweiter Übertrager wurde ein Musikwissenschaftler eingestellt, der sich zunächst in die Brailleschrift einarbeiten musste. Dazu lernte er die deutsche Vollschrift und danach die Braillemusikschrift an praktischen Aufgaben mit Hilfe der Kollegen.

Für die Planung und Entwicklung der Produktionswerkzeuge sowie die Durchführung und Präsentation des Projektes wurde ein Informatiker angestellt, der über die erforderlichen Kenntnisse sowohl im Bereich der automatischen Sprachverarbeitung als auch der Musik verfügte und sich entsprechend in die Problematik, insbesondere die Braillemusiknotation einarbeitete.

Übernahme entwickelter Verfahren im Übertragungsservice

Rückübertragung aus der Blindennotenschrift

Im Mai 2004 konnten erstmals Blindennoten in Schwarzschrift2.1 zurückverwandelt werden. In der Folge wurde die Software verwendet, um übertragene Noten zu prüfen. Die Software wurde hierbei sukzessive verbessert und ausgebaut. Seit Anfang 2005 wurde die Software Grundlage des Service BrailleVis — Blinde Musiker können hierbei ihre Blindennoten in Schwarzschrift umwandeln lassen.

Übertragung in Blindennotenschrift

Seit Januar 2005 können eingescannte Schwarzdrucknoten halbautomatisch in Braillenoten übertragen werden. Seit ungefähr Mai 2005 werden Noten ausschließlich mittels Software und nicht mehr manuell übertragen.

Die von der DZB entwickelte Software erzeugte in der Urfassung einen Pseudocode, der einer eins-zu-eins-Übertragung von Noten in Braillenoten entspricht. Dabei mussten diejenigen Aspekte, die durch die Software nicht abgedeckt wurden, manuell nachgetragen werden. Dies betraf vornehmlich braillenotenspezifische Notationen sowie Fragen zum Erscheinungsbild (Lesbarkeit und Verständnis der Noten durch den Notennutzer). Daneben spielten auch Autokorrekturen auf den häufig unsauberen Eingangsdaten eine entscheidende Rolle. Durch Rückkopplung (Aufbereitung der erzeugten Noten durch einen Übertrager und Korrekturlesen mit einem blinden Musiker) konnte die Software in den folgenden Jahren bis zum Projektende sukzessive verbessert und ausgebaut werden, so dass sie zum Projektende alle Facetten der Notenübertragung abdeckte und somit Noten nicht mehr semi-, sondern praktisch vollautomatisch übertragen konnte.

Ergebnisse

Übertragung in Brailleschrift

Braillenoten sind ein unverzichtbares Werkzeug für blinde, professionelle und Hobbymusiker genauso wie für Lehrer, die blinde Schüler in integrierten Einrichtungen oder speziellen Blindenschulen unterrichten. Die DZB hat im Laufe des Projektes DaCapo einen leistungsfähigen Übertragungsservice aufgebaut. Musiker, die Braillenoten benötigen können diese an der DZB in Auftrag geben. Dabei überträgt die DZB alle Arten von Noten entsprechend den Ansprüchen der Musiker.

In der Abbildung wird die Steigerung der Produktion (Notenseiten pro Jahr) während des Projektzeitraumes dargestellt.

Diagramm: produzierte Notenseiten pro Jahr

Rückübertragung in Schwarzschrift

Für blinde Musiker ist es nicht möglich, eigene Kompositionen oder Arrangements in Schwarzschrift anzufertigen. Das betrifft zum Beispiel blinde Kantoren, die dem Chor Noten zugänglich machen wollen. Entsprechendes gilt für blinde Schüler und Studenten, die an integrierten Einrichtungen Hausaufgaben machen oder Studienarbeiten erstellen.

An der DZB wurde eine Software entwickelt, die aus Braillenoten Schwarzdrucknoten erzeugen kann. Damit wurde der Service BrailleVis möglich — der blinde Musiker schickt an die DZB per E-Mail Blindennoten, die daraus einen druckfertigen Schwarzdruck als PDF-Datei erstellt.

Bestandspflege und Restauration von Bibliotheksbeständen

Wie bereits oben dargestellt, führten mehrere Versuche der Restauration zu dem Ergebnis, dass verschiedene Gründe gegen eine Restauration von Altbeständen und für eine Neuauflage solcher Noten sprechen.

Lehre

Derzeit ist es für interessierte blinde Schüler nicht immer einfach, in der Nähe einen Lehrer für Braillenoten zu finden. Aus diesem Grunde bietet die DZB an, die Blindennotenschrift zu lehren. Von dieser Möglichkeit haben zwei Schüler im Laufe des Projektes Gebrauch gemacht.

Konferenzen

Die Mitarbeiter des Projektes haben ihre Arbeit auf verschiedenen nationalen und internationalen Konferenzen vorgestellt sowie Erfahrungen mit anderen Einrichtungen ausgetauscht.

Von hoher Bedeutung waren Kontakte zum Notennetzwerk, in dem blinde Musiker aus dem deutschsprachigen Raum organisiert sind. Es tagt einmal jährlich. Auf diesem Wege konnte die DZB Feedback bekommen, das direkt in Verbesserungen und Erweiterungen der Projektarbeit einfloss.

Auf der »International Conference on Braille Music Notation« 2004 in Zürich wurden neue Schreibweisen und Regeländerungen der Braillenotenschrift diskutiert. Die Teilnahme von Seiten der DZB stellte sicher, dass in der DZB weiterhin Noten nach international gültigen Regeln produziert werden. Desweiteren wurden dort die Softwareentwicklungen der DZB präsentiert.

Neben verschiedenen weiteren nationalen und internationalen Konferenzen war die DZB auf der 20042.2 in Paris und 2006 2.3 in Linz stattgefundenen »International Conference on Computers Helping People with Special Needs« mit Vorträgen (so auch dem Abschlussvortrag) und Präsentationen vertreten. Die Ergebnisse der Arbeit des Teams DaCapo, die DaCapo dort in einem Vortrag präsentierte, wurden von der Revision als revolutionär für blinde Musiker und Komponisten eingestuft und mit 8.82 von 10 möglichen Punkten bewertet.

Im November 20052.4 hat die DZB im Haus ein »International symposium on Braille Music Notes« veranstaltet, an dem 30 Gäste aus sieben Ländern teilnahmen. Darunter waren Vertreter von Übertragungseinrichtungen, Pädagogen, Musiker und Softwareentwickler. In insgesamt sechs Vorträgen wurden verschiedene Entwicklungen und Ergebnisse von verschiedenen Einrichtungen vorgestellt — so auch das Projekt DaCapo. In zwei Diskussionsrunden wurden technische und pädagogische Fragen erörtert. Im Ergebnis wurde die DZB in ihrer Arbeit bestätigt — die Entwicklungen im Projekt DaCapo entsprechen den auf der Tagung verlautbarten Wünschen, Notwendigkeiten und Anregungen.


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