Deutsche Zentralbücherei für Blinde

DaCapo II - Anforderungsorientierte Notenübertragung für blinde Musiker

Abschlussbericht

Deutsche Zentralbücherei für Blinde zu Leipzig (DZB)
Gustav-Adolf-Straße 7
04105 Leipzig
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Internet: www.dzb.de

März 2010

Zeitnahe Übertragungs- und Korrekturdienstleistungen

2.1 Kooperation mit Musikverlagen

2.1.1 Voraussetzungen

Satzdaten von Verlagen sind als Grundlage zur Erzeugung von Braillenoten aus mehreren Gründen von hohem Interesse:

  • Zum Ersten kann durch die Verwendung von Quelldaten die Übertragung deutlich beschleunigt werden, da das Einscannen und der relativ zeitaufwändige Prozess der Notenerkennung durch das Notenleseprogramm capella-scan entfallen.
  • Zum Zweiten werden die relativ häufigen, aber nicht immer einfach zu behebenden Fehler bei der Texterkennung bei Liedtexten vermieden (Beispielsweise Erkennung der Liedtextsilbe Hirn- statt Him- in Himmel), wodurch weniger Folgefehler auftreten.
  • Zum Dritten fallen weniger Schritte in der Übertragung an. Da hierdurch weniger Arbeitsfehler auftreten können, wird die Fehlerwahrscheinlichkeit insgesamt gesenkt.

Damit Satzdaten der Verlage als Eingangsquelle für die Notenübertragung dienen können, ist die Bereitstellung entsprechender Schnittstellen grundlegend. Hierbei bietet sich das international sehr verbreitete Musikaustauschformat MusicXML an. Erfahrungen mit verschiedenen Eingangsdaten zeigen, dass diese im Allgemeinen nicht einwandfrei sind, da die durch das Format MusicXML vorgegebenen Auszeichnungen von den Verlagen nicht eingehalten werden. MusicXML begünstigt dies durch sehr freie und vielfältige Darstellungsmöglichkeiten ähnlicher Sachverhalte. Das relativiert obige Überlegungen zu Vorteilen der Verwendung von Notenquellen. Ein wichtiges Ziel ist es, solche nicht einwandfreien Eingangsdaten effektiv und sauber verarbeiten zu können. So können die Möglichkeiten, die Quellen bieten, voll ausgeschöpft werden, ohne diese durch neu hinzukommende Nachteile beschränken zu müssen.

Am häufigsten liegen direkt elektronisch verarbeitbare Noten in den Formaten der Programme Finale[2], Sibelius[3] und score[4] vor. Daneben gibt es Datenformate anderer Programme wie z. B. encore[5], die jedoch zumeist mit Finale oder Sibelius geöffnet werden können.

Insgesamt gibt es einen relativ kleinen Kreis von Notensetzern, deren Noten hauptsächlich für die Brailleübertragung Eingang finden. Die möglichen Ausnahmen und das Nichteinhalten von Vorgaben würde somit durch den relativ kleinen Produzentenkreis mengenmäßig eingeschränkt und die stabile Verarbeitung der Quellen deshalb begünstigt.

Die verschiedenen kommerziellen Programme können Notenquellen unterschiedlich gut lesen und in MusicXML überführen. Da hier fortwährend Entwicklungen und Verbesserungen stattfinden und weiter zu erwarten sind, ist für die Zukunft auf eine stetig bessere Verarbeitung der Daten zu hoffen. Ähnliches konnte bei der Notenerkennungssoftware capella-scan beobachtet werden, deren Qualität im Laufe von DaCapo kontinuierlich und beträchtlich zugenommen hat.

Jenseits der technischen Probleme muss der Kontakt zu den Verlagen selbst gesucht werden. Notwendig dafür ist entsprechende Kompetenz, um bestmögliche Ergebnisse zu erzielen. Dafür wurde eigens eine Fachkraft angestellt, die in den Bereichen Musik und Kommunikation ausgebildet ist, um Kontakte zu den Musikverlagen herzustellen und im Sinne von DaCapo auszubauen.

2.1.2 Durchführung

Die Software wurde erst um MusicXML, später um score als Eingangsformate erweitert.

Von hohem Vorteil und unschätzbarem Wert waren bereits vorhandene gute Kontakte zu Verlagen und das breite Netzwerk, das durch eine Fachkraft eingebracht wurde. Zudem wurden mehrere Musikverlage kontaktiert.

Aus den Erfahrungen mit den Notenverlagen zeigt sich, dass vier wichtige Arten von Notenquellen unterschieden werden können:

  1. Viele Daten liegen bei Verlagen gar nicht in Form von Quellen vor, sondern sind digitalisierte Matrizen[6]. Solche Daten sind für die Weiterverarbeitung ungeeignet, da hier weiterhin gescannt werden muss. DaCapo ist somit vielen Schwarzdruckverlagen technisch weit voraus. Es bleibt zu hoffen, dass in naher oder mittlerer Zukunft auch solche Schwarzdruckverlage ihre Techniken umstellen. Aus diesen zukunftsweisenden Gründen ist die DZB auch an Kontakten mit diesen Verlagen sehr interessiert. Zudem bestehen für die DZB Möglichkeiten, kostenfrei die teilweise sehr teuren Notenbücher zu erhalten.
  2. Weit verbreitet sind Notenquellen im score-Format. Die von DaCapo favorisierte Brückensoftware Dolet für Sibelius[7] zur Umwandlung solcher Quellen nach MusicXML hat sich als ungeeignet herausgestellt. So stürzt diese Software oft beim Import selbst einfachster Stücke ab. Gleichzeitig ist die Exportschnittstelle nach MusicXML wegen ungenügender interner technischer Voraussetzungen bei weitem nicht leistungsfähig genug[8]. Bei erfolgreicher Transformation genügen deshalb die Ergebnisse nicht den hohen Ansprüchen einer Übertragung in Braille. Auch ist die Weitergabe von Fehlermeldungen und Programmwünschen an Finale und Sibelius weniger einfach als an Capella. Gründe sind zum einen, dass die Firmen im Ausland sitzen und zudem sehr viel kompliziertere update-Zyklen als Capella haben, zum anderen aber auch, dass die verschiedenen Komponenten von verschiedenen Herstellern stammen. Auch ist score im Vergleich zu MusicXML von geringerem Interesse. Darum sind keine der Braillenotenproduktion angemessenen Verbesserungen zu erwarten. Aus diesem Grunde hat DaCapo eine eigene Schnittstelle von score-Dateien an die während DaCapo erstellte Braille-Transformations-Software entwickelt. Diese hat sich bereits bewährt und kann bei neu auftretenden Problemen leicht modifiziert oder erweitert werden, bedarf jedoch noch einige Zeit einer intensiven Pflege.
  3. Einige Notenverlage haben ihre Technik auf Programme wie Sibelius und Finale umgestellt. Diese Programme unterliegen regelmäßigen Updates und Entwicklungszyklen, bei denen sich das Dateiformat jeweils ändert. Als allgemeine Schnittstelle hat sich daher das Format MusicXML etabliert. Untersuchungen zeigten, dass der Import von und der Export nach MusicXML fehlerhaft sind. Die MusicXML-Schnittstelle von Sibelius ist ein kommerzielles Skript und somit prinzipiell anpassbar. Allerdings erfolgt der Zugriff auf die Originaldaten über eine eingebaute Programmiersprache, die zwei derzeit unlösbare Probleme mit sich bringt:

(1) Die Programmiersprache ist unvollständig

(2) Die Ausführungsgeschwindigkeit der Programmiersprache ist intolerabel langsam.

Finale hat in den neueren Versionen 2009 und später deutliche Fortschritte gemacht. Der MusicXML-Export funktioniert hier sehr gut, was in einer stärkeren Akzeptanz und Verbreitung von MusicXML begründet ist. Das Gleiche ist für neuere Versionen von Sibelius zu erwarten.

4. Vor allem für pädagogische Literatur wird häufig eine Mischung aus Text und als Bilder abgelegten Noten in PDF zusammengefasst. Es liegen also keine strukturierten Quellen vor und nur die PDF selbst kann als Vorlage dienen. Darin gleichen diese Bücher der Sach- und Fachbuchaufbereitung und setzen gleiche Werkzeuge voraus. Zusätzlich müssen Schnittstellen vorhanden sein, um eingebettete Bilder als Noten (zum Beispiel als MusicXML) interpretieren zu können. Die Firma Capella wurde um eine entsprechende Schnittstelle für capella-scan nachgefragt, die auch mittelfristig zu erwarten ist.

2.1.3 Ergebnisse

Die Schnittstellen zu MusicXML der im Rahmen von DaCapo entwickelten Software wurden schrittweise weiter ausgebaut und haben sich bewährt. Insbesondere die Interpretation von strukturell abweichenden Darstellungen ist von Bedeutung, die eine stete Pflege und Weiterentwicklung erfordern[9].

Eine zeitnahe Übertragungs- und Korrekturdienstleistung beruht auf einer guten Kooperation mit Musikverlagen. Mit den folgenden Verlagen wurden Vereinbarungen getroffen:

  • Bärenreiter Verlag, Kassel (PDF oder kostenlose Exemplare, bedeutender Musikverlag mit breitem Spektrum)
  • Breitkopf und Härtel, Buch- und Musikverlag, Wiesbaden (bedeutender Musikverlag mit breitem Spektrum)
  • Peters Musikverlag, Frankfurt (bedeutender Musikverlag mit breitem Spektrum)
  • Friedrich Hofmeister Musikverlag, Leipzig (bedeutender Musikverlag mit breitem Spektrum)
  • G. Henle Verlag e.K., München (bedeutender Musikverlag mit breitem Spektrum)
  • Spielraum Musikverlag, Freiburg im Breisgau (Pädagogische Literatur vor allem für Akkordeon)
  • Musikverlag Bruno Ütz, Halberstadt (Viele Bearbeitungen für Orgel und Soloinstrumente, darum für Organisten und Kantoren interessantes Spektrum)
  • AMA Verlag, Brühl (vor allem pädagogische Literatur in den unterschiedlichsten Ausprägungen)
  • Strube Verlag, München (Chorliteratur)
  • Verlag der Spielleute; Reichelsheim: Volksinstrumente, Volkstanz, Alte Musik
  • Ries & Erler, Berlin: Traditionsverlag mit breitem Repertoire

2.2. Schnellübertragung MakeBraille

2.2.1 Voraussetzungen

Die im Projekt erstellten Produktionswerkzeuge ermöglichen eine schnellere Produktion von Noten als vorher. Gleichzeitig tritt auch der Effekt ein, dass die Übertragungen (d.h. die reine Übertragung der Noten, noch ohne Korrektur) sauberer und für das Korrekturlesen vorhersehbarer werden. Mit der Software erstellte Noten verfügen über andere Fehler, als manuell erstellte. Fehler der manuellen Übertragung werden bei automatisch erzeugten Noten vermieden.

Parallel dazu hat die deutliche Beschleunigung der Übertragung allgemein zu besserem Service gegenüber den Kunden geführt, die nun auch vermehrt mit kleineren Aufträgen auf die DZB zukommen - solchen, die sie früher selbst mit Assistenz oder über das Gehör gelöst haben[10]. Mit der Anzahl der Aufträge steigt auch die Anzahl individueller Wünsche. Für die DZB bedeutet das einen erheblichen Anstieg des Verwaltungsaufwandes und klarer Festlegungen bei der Priorisierung von Übertragungen.

2.2.2 Durchführung

Es zeigt sich, dass vor allem kleinere Stücke und Chorwerke kurzfristig benötigt werden. MakeBraille bewährt sich, um Belastungsspitzen abzufangen. So können dringend benötigte Stücke eines Heftes zeitnah produziert und geliefert werden, während das Gesamtwerk später als normaler Auftrag zu Ende geführt und dem Kunden zugestellt wird.

Da immer häufiger auch sehr umfangreiche Notenwerke (die auch für die Allgemeinheit von Interesse sind) zeitnah benötigt und als MakeBraille bestellt werden, kommt es zu einer Konkurrenz zwischen MakeBraille (mit dem Versprechen der schnellen Übertragung) und der regulären Produktion. Die DZB schließt daraus, dass die Schnellübertragungen durch technische Fortschritte ohne intensive Korrekturlesung von akzeptabler und akzeptierter Qualität sind. Diese Erkenntnis eröffnet auch neue Möglichkeiten für eine weitere Effektivierung der regulären Produktion, die ebenso der Nachfrage kaum Stand halten kann.

2.2.3 Ergebnisse

Um blinden Musikern Noten sehr schnell zur Verfügung stellen zu können, wurde Ende 2006 der Service MakeBraille[11] installiert. Die Anwender können ihre Schwarzdrucknoten auf einem Standard-Flachbettscanner einscannen und die Noten als Bilddatei per E-Mail an die DZB senden. Die Noten werden mit der während DaCapo erstellten Software entsprechend dem Produktionsprozess, aber ohne intensive Korrekturlesung in Braille übertragen und zeitnah per E-Mail an den Musiker zurückgesandt. MakeBraille reduziert dabei deutlich den Verwaltungsaufwand innerhalb der DZB, da Scannen, Druck und Versand entfallen und einmal jährlich über Sammelrechnungen bezahlt wird. Bei Bedarf können die Noten jedoch auch ausgedruckt oder auch gebunden werden.

Da die Noten individuelle Anfertigungen sind, kann in Verbindung mit der guten Übertragungstechnik gleichzeitig eine benutzerorientierte Übertragung erfolgen. Zahlreiche Einstellungsmöglichkeiten der Übertragungssoftware ermöglichen bedarfsnotwendige Ausgaben bei minimiertem Herstellungsaufwand. Die Noten können beispielsweise automatisch um eine mehrstufige Brailleschrift-Legende ergänzt werden. Diese hat sich insbesondere für Schulen, aber auch für Instrumentalisten mit komplizierten Notationen und Schreibweisen (z. B. Gitarre) bewährt. Für Lehrer können Notenschlüssel und Oktavierungen angezeigt werden, während für Schüler über Filter die Noten durch Weglassen von Zeichen wie Bögen oder Artikulationen vereinfacht werden können.

Zur Unterstützung blinder Anwender, die selbst mit Musiksoftware für Sehende über Screen-Reader-Software arbeiten und nur mangelhafte Software zur Erzeugung von Blindennoten zur Verfügung haben, wurde der Service MakeBraille bereits 2007 per Internet[12] zur Verfügung gestellt. Dort können Blinde ihre selbst geschriebenen Musikstücke oder solche, die sie aus Quellen im Internet erhalten, selbstständig in Braille umwandeln. Dieser Service wird inzwischen viel genutzt, seit April 2008[13] wurden über den Server über 850 Musikstücke aus dem CapXML- und MusicXML-Format in Braille umgewandelt[14].

2.3 Rückübertragung BrailleVis

2.3.1 Voraussetzungen

Im Projekt wurde der Service BrailleVis initialisiert, der es blinden Nutzern erlaubt, ihre Eigenkompositionen, Arrangements, Hausaufgaben usw. in Schwarzschrift umwandeln zu lassen. Die Erfahrung zeigte, dass das Schreiben der Vorlagen dabei häufig fehlerbehaftet ist und somit durch Rückfragen und Absprachen zu einem erhöhten Aufwand von Seiten der DZB führt.

2.3.2 Durchführung und Ergebnisse

Um die Notenübertragung zu entlasten, hat DaCapo den Service BrailleVis ähnlich wie den Service MakeBraille auch online[15] zugänglich gemacht. Zur besseren Kontrolle wurde dazu ein Prüfformat in Braille entwickelt, das dem Blinden erlaubt, die späteren Schwarzdrucknoten im Vorfeld auf Korrektheit zu prüfen. Des Weiteren wurde der Server BraillePlayer[16] installiert. Der Blinde kann darüber die Braillenoten anhören und somit inhaltlich prüfen. Geeignet und beliebt ist der Server zum Testen von Musik und somit auch zum Notenlernen. Zukünftig soll eine eigenständige Applikation den Zugriff auf den Server erleichtern.

Zur technischen Umsetzung wurde eine Schnittstelle zu Lilypond[17] geschaffen. Insbesondere der Versionssprung von der Version 2.10 auf die Version 2.12 im Dezember 2008 brachte eine deutliche Verbesserung der Ausgabe.

2.4 Verbesserungen an Software und Produktion

Nachfolgend verdeutlichen einige Beispiele, wie die erstellte Software und die Produktionsprozesse verbessert wurden:

  • Die Erstellung von Skripten über Capella, um Noten für die Übertragung aufzubereiten, wurde deutlich ausgebaut. Angezeigt werden typische Fehler oder Hinweise auf mögliche Fehler. Bestimmte Arbeitsschritte werden hierüber automatisiert.
  • Einen deutlichen Produktivitätssprung brachte die Entwicklung eines Tools, das automatisch Liedtexte korrigiert. Die mit der Notensoftware verbundene Texterkennungssoftware hat im Allgemeinen Schwierigkeiten mit der korrekten Erkennung von Liedtexten. Das Tool erkennt den Text und korrigiert ihn und die entsprechenden Silbenbindungen automatisch. Wird der Text nicht automatisch erkannt, so kann man ihn vorgeben. Problematische Stellen werden überdies farblich markiert. Das Plug-In ist von hoher Bedeutung, da ein großer Anteil der zu übertragenden Noten Chornoten sind.
  • Lieder in verschiedenen Schwarzschriftausgaben werden «sparsam» notiert, d. h. aufeinander folgende Strophen werden bei ähnlicher, aber nicht gleicher Melodie untereinander geschrieben. Das führte oft zu Noten, die so für Blinde kaum lesbar und insbesondere praktisch nicht nutzbar sind, weil zum Beispiel die Silbenbindung über bis zu vier Stimmen dargestellt wird. Solche Noten werden automatisch erkannt und hintereinander aufgelöst, so dass ein Singen vom Blatt möglich wird.
  • Die im Rahmen des vom BMAS geförderten Projektes «Basis Braille» entwickelte Software zur Erzeugung von Kurzschrift wurde an das Notenübertragungsprogramm angeschlossen. Somit können Liedtexte automatisch in Kurzschrift erzeugt werden - eine deutliche Zeitersparnis im Vergleich zu der früher notwendigen manuellen Einfügung der Texte. Auf diese Weise wurde MakeBraille um die Kurzschrift erweitert.

Im Diagramm wird die Anzahl produzierter Notenseiten (ohne Einbeziehung von MakeBraille) dargestellt.

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