120 Jahre DZB

Jubiläen erinnern immer an zeitgeschichtliche Entwicklungen und Ereignisse, die zum Teil auch in Vergessenheit geraten sind. Wann war die letzte elektrische Handpunziermaschine in Betrieb? Wie hieß das erste Hörbuch, das die DZB im eigenen Studio produzierte? Und warum trafen sich 1948 blinde Musiker in Leipzig?
Erfahren Sie mehr über die Geschichte unseres Hauses.

Braillebuch
Hörbuch
Braillenoten
Reliefs

Braillebuch: Es kommt eben darauf an, wie Brailleschrift übertragen wird

Leipzig, Gustav-Adolf-Straße 5, zweite und dritte Etage: Hier befinden sich die Räume der Blindenschriftherstellung. In der mit 23 Mitarbeitern größten Abteilung der DZB werden Bücher in Brailleschrift übertragen, Texte Korrektur gelesen und Druckvorlagen punziert. Jährlich entstehen etwa 81.000 Seiten in Brailleschrift – für Bücher, Zeitschriften, Musikalien und Aufträge. Für die Übertragung eines Buches aus der sog. Schwarzschrift werden moderne Computersysteme und Software genutzt, die speziell für die Herstellung von Brailleschrift entwickelt wurden. Doch, wie war das vor 25, 50 und 100 Jahren?

Das Punzieren und die handschriftliche Übertragung

PC und elektronische Drucker kamen in der Abteilung Blindenschrift erstmals 1988 zum Einsatz. Der damalige Direktor Prof. Dr. Siegfried Tschirner erhielt die Möglichkeit, mit Hilfe von Devisen moderne Punziertechnik im Gesamtwert von ca. 350.000 DM in der BRD einzukaufen. Dabei waren zwei Punziermaschinen, Computer, Brailletastaturen, Laserdrucker und eine Blindenschrift-Schnelldruckanlage. So konnten mechanische Punziermaschinen durch elektronische ersetzt werden. Das erleichterte die Arbeit der Übertrager entscheidend. Zuvor prägten sie mit körperlicher Kraft die Brailleschrift in eine Metall-, meist Zinkblechplatte, die als Vorlage für den Brailledruck auf Papier diente. Daneben übersetzte man die Brailleschrift noch bis in die 1990er Jahre handschriftlich mit der Punktschriftbogenmaschine (Pichtmaschine). Allein 1970 beschäftigten sich 12 Frauen, meist in Heimarbeit, mit der Produktion von Braillebüchern, die als Unikate in die Bibliothek eingestellt wurden. Nur das Punzieren ermöglichte die Herstellung von Brailleschrift mit mehreren Abzügen. Das manuelle Verfahren war eine sehr laute Angelegenheit. Damals arbeiteten auch blinde Mitarbeiter als Punzierer. Über Lautsprecher, die den Lärmpegel der Maschinen übertönen mussten, las ein sehender Mitarbeiter den zu punzierenden Text vor. Übrigens: Die letzte elektrische Handpunziermaschine war noch Anfang der 1990er Jahre in Betrieb. In dieser Zeit übersetzte man neben belletristischen Werken auch den ersten gesamtdeutschen Duden, begann mit der Übertragung eines Fremdwörterbuches und stellte u. a. auch ein „Medizinisches Taschenwörterbuch“ fertig. Die in Brailleschrift übertragenen Bücher wurden von einem sehenden und blinden Mitarbeiter Korrektur gelesen. Das ist auch heute noch so. Ursula Hirschnitz, die die Abteilung von 1984 bis 2000 leitete, setzte hohe Anforderungen an die Qualität der Braillebücher und arbeitete nach einem von Marie Lomnitz-Klamroth, erste Direktorin der Bibliothek, formulierten Grundsatz: „Auf alle Zeiten gilt der Satz: Es kommt nicht darauf an, daß Bücher in Punktdruck übertragen werden, sondern wie sie übertragen werden.“ Eine wichtige Rolle spielt deshalb bis heute die Buchvorbereitung, die sich mit der typografischen Gestaltung der Brailleschrift befasst und festlegt, wie Überschriften, Formeln und Tabellen übertragen werden. Das Braillebuch sollte dem Original so gut wie gleichen. Ein Qualitätsanspruch, der auch heute für die Mitarbeiter der Abteilung gilt!

Die erste Direktorin der DZB

Blicken wir noch ein Stück weiter zurück zu den Anfängen der Blindenschriftherstellung. Die schon erwähnte Marie Lomnitz-Klamroth, die 1901 die Leitung der Bücherei übernahm, entwickelte eine Typografie für Braillebücher, die zur Grundlage für die Übertragung in Brailleschrift wurde. Sie hob hervor, dass allein die Kenntnis des Braille-Alphabets nicht genügt, um Bücher in Brailleschrift übertragen zu können. In ihrer Systematik, die 1915 erschien, stellte sie 81 Paragraphen auf, die eine einheitliche Darstellung der Brailleschrift festlegten. Damit eine schnellere Übertragung möglich wurde, organisierte sie Punktschriftbogenmaschinen aus dem Ausland. Denn bis 1910 schrieb man die Bücher noch Punkt für Punkt spiegelverkehrt mit Griffel und Tafel. Die Zahl der Übertrager stieg bis 1917 auf 300 Freiwillige. Erwähnenswert ist hierbei, dass fast alle in Vollschrift schrieben und sich ihre Lieblingsbücher und -autoren selbst aussuchten. Marie Lomnitz-Klamroth hatte wenig Einfluss auf die Buchauswahl der handschriftlichen Übertrager. Die meisten Bücher waren „gutbürgerliche“ Unterhaltungsliteratur. Über die Druckwerke, also die Bücher, die man mit der Punziermaschine herstellte und für deren Auswahl die Leiterin verantwortlich war, gab erstmals 1906 ein kleiner Katalog Auskunft. In der Bücheranzeige findet man zum Beispiel neben J. W. Goethes „Reineke Fuchs“, Heinrich von Kleists „Prinz von Homburg“ und G. E. Lessings „Emilia Galotti“ auch ein „Lehrbuch für Massöre“ und die Werbung für einen „Wandkalender für Blinde mit auswechselbarem Kalendarium und 100 auswechselbaren Sprüchen“. Die beworbenen Bücher wurden über die Verlagsbuchhandlung von Georg Wigand vertrieben. Anfang 1937 beendete Marie Lomnitz-Klamroth ihre Tätigkeit als Leiterin.

Kohlmann-Fibel und die Brailleschrift

Nach dem zweiten Weltkrieg begann die DZB nach und nach den Bestand an Brailleliteratur wieder aufzubauen. In der Nachkriegszeit machte sich vor allem ein Mann verdient: Erich Kohlmann. Er war zunächst als Korrektor, dann als Punzierer tätig. 1954 leitete er den Bereich der Punzierer und übernahm 1963 die Leitung der Bereiche Punzieren, Korrektur, Übertragen und Notenschrift. 1964 kam die Druckerei/Buchbinderei hinzu. Erst ab 1975 wurde die Blindenschriftherstellung eine eigenständige Abteilung. Kohlmann schrieb drei Lehrbücher: eines zum Erlernen der Vollschrift, die so genannte Kohlmann-Fibel, zwei weitere zur alten und reformierten Kurzschrift. Sehr geschätzt wird heute noch seine führende Mitarbeit in der deutschen Kurzschriftkommission, deren Ergebnisse in den Wiener Beschlüssen von 1984 ihren Niederschlag fanden.

Kontinuität und moderne Technologie

Vom Griffel über die Punziermaschine bis zum Schnelldrucker: Neue technische Entwicklungen veränderten im Laufe der Zeit die Herstellung der Brailleschrift und erleichterten die Produktion von Braillebüchern. Aber auch die Brailleschrift selbst wandelte sich entsprechend den Erfordernissen ihrer Nutzer. Eines bleibt bis heute: Sie garantiert blinden Menschen den Zugang zu Literatur und Wissen und sichert ihnen auch im Zeitalter des digitalen Fortschritts Unabhängigkeit und Selbstständigkeit. Das wird in naher Zukunft, wenn es E-Books für Blinde gibt, nicht anders sein.

Gabi Schulze